
Kontexte des Naturbegriffs
Notker
Schneider, Köln
Vorbemerkung
Das Thema
über das ich heute sprechen will, bewegt sich um die Naturphilosophie und
um Franciscus de Marchia. Dabei werde ich jedoch keine vollständige Darstellung
der Naturphilosophie des Franciscus geben. Das würde schon daran scheitern,
dass Franciscus keine eigenständigen naturphilosophischen Werke vorgelegt
hat, wie z.B. Kommentare In Physicam oder In de caelo, sieht
man von der kurzen Sententia et compilatio super libros Physicorum
einmal ab.[1]
Darin, dass er die Physik nicht explizit bearbeitet hat, unterscheidet
er sich von seinem Confrater und Schicksalsgefährten Wilhelm von Ockham,
aber auch von den nur wenig später wirkenden Pariser Kollegen Johannes Buridan
oder Marsilius von Inghen, um nur diese zu nennen. Wir müssen die Bausteine
seiner Naturphilosophie daher allererst aus anderen Werken rekonstruieren,
v.a. aus Sent. II und den Quaestiones in Metaphysicam; endgültig
wird das erst möglich sein, wenn beide Werke ediert vorliegen, was hoffentlich
bald der Fall sein wird und wozu die hier Versammelten einen großen und
dankenswerten Beitrag leisten.
Was ich gerade
als Schwierigkeit geschildert habe, macht Franciscus nun aber auch besonders
interessant: Denn einerseits war er einer der bedeutenden Anreger nicht
nur der spätmittelalterlichen, sondern gerade auch der frühneuzeitlichen
Naturphilosophie und dann auch schon Naturwissenschaft, andererseits aber
entwickelt er seine naturphilosophischen Thesen völlig aus dem Kontext der
Theologie bzw. der Metaphysik – und dennoch ist gerade er es, der die moderne
quantitative, mathematische und empirische Physik in spekulativer Weise
vorwegnimmt, wie wir sie dann von Descartes oder Galilei kennen. Ich möchte
es mit aller Deutlichkeit sagen: Franciscus bereitet die Naturwissenschaft
vor, nicht die Naturspekulation – und darin ist er ganz Aristoteliker,
freilich ein undogmatischer Aristoteliker. Das unterscheidet ihn grundsätzlich
von den platonisierenden metaphysischen Naturphilosophien, wie wir sie z.B.
bei Nikolaus Cusanus oder Giordano Bruno, viel später bei Hegel oder Schelling
finden werden.
Die philosophie–
und wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung von Franciscus hängt nun genau
damit zusammen: Wir haben die sehr seltene Gelegenheit zu beobachten, wie
aus theoretischer, spekulativer Philosophie und Theologie etwas ganz anderes
und Neues entsteht; gleichsam unbemerkt – gewiss auch vom Autor noch nicht
erkannt – und darum mit umso zwingenderer Notwendigkeit.
Bevor ich
eine Auswahl der naturphilosophischen Thesen des Franciscus de Marchia vorstelle,
erläutere und in ihren Konsequenzen diskutiere (II.), möchte ich in einem
ersten Teil meines Vortrags einige systematische Anmerkungen zum Naturbegriff
und seinen besonderen Schwierigkeiten machen (I.) – dabei werde ich die
Geisteswelt des Mittelalters historisch verlassen. Ich glaube, dass diese
Distanz nötig ist, um die geistes– und wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung
von Franciscus zu bestimmen, von der ich in einem abschließenden dritten
Teil kurz sprechen möchte (III.).
über
Naturphilosophie und Naturwissenschaft
Der Begriff
‚Natur‘ – nbF4H,
natura, nature usw.
– war dem Philosophieren von Anbeginn an zentral und er ist es bis heute;
zentral und zugleich vieldeutig, vage, unklar. Wenn wir heute von Natur
sprechen, so besitzt dieser Begriff gewiss nicht weniger Aspekte und Bedeutungsnuancen
als in der Antike und im Mittelalter. Die Spanne reicht von einem deskriptiven
Naturbegriff, der in allgemeiner Weise das Vorgefundene beschreibt, bis
hin zum normativen Gebrauch des Naturbegriffs im ethischen Diskurs. Ohne
weiteres können wir die ‚Natur‘ als Norm heranziehen und eine Handlung oder
ein Verhalten als contra naturam brandmarken; aber abgesehen davon,
dass ein normativer Begriff der Natur unter den neuzeitlichen Bedingungen
der wertneutralen und mechanistischen Naturerklärung an Überzeugungskraft
verloren hat, gibt es in unserer wie in jeder vorangegangenen Kultur keinen
wirklich verbindlichen und eindeutigen Begriff der Natur. Durch seine Vieldeutigkeit
freilich wird der Naturbegriff eine nahezu beliebig einsetzbare Variable
in Argumentationen unterschiedlichster Traditionen – denken wir an die Deutung
von Natur als Schöpfungs– und Vorsehungsordnung, an die romantische oder
empfindsame Qualifizierung der Natur als Gegenpol zu Rationalität, Zivilisation
und Entzauberung oder an die evolutionstheoretische Perspektive von Selektion
und genetischer Steuerung. Diese Unklarheit, die eine gefährliche Unverbindlichkeit
mit sich führt, ist aber nicht neu, das ganz frühe Wort des Heraklit scheint
nach wie vor in Kraft:
„nbF4F
6DbBJgFh"4
n48gÓ [2]
„Die
Natur liebt es, sich zu verbergen.“
Damit haben
wir bereits eine der beiden Grundbedeutungen des Wortes nbF4H,
die sich schon in der frühen Antike herausbildeten: die Beschaffenheit,
das Wesen oder „die wahre Konstitution eines Gegenstands“ [3],
die im compositum nicht mehr ohne weiteres sichtbar ist. Die Rede
von der ‚Natur einer Sache‘ ist uns spätestens von Aristoteles an
bis heute geläufig; und es heißt das B@88"PäH
8X(gJ"4
im Hinblick auf die Natur zu verkennen, wenn man annimmt, hier werde nicht
mehr von der Natur gesprochen.[4]
Die elementare Konstitution der Dinge aber macht deren Wesen aus – das muss
man keineswegs materialistisch verstehen: wir sprechen auch von der Natur
des Menschen oder Gottes, denn die Konstituentien können durchaus immateriell
sein –, und so bleibt uns das Wesen der Dinge, ihre Natur, verborgen und
der Anschein vermag uns zu täuschen. Von daher rechtfertigen sich analytische
Physik und die Spekulation der Meta–Physik gleichermaßen als Wege zur Aufdeckung
der wahren Natur der Dinge und der Welt als ganzer.
Die andere
Grundbedeutung ist uns ebenso geläufig und wir gebrauchen sie, sobald wir
etwas als Natur oder als natürlich ansprechen: alles, das
Werden, Wachstum und Wuchs erfährt, ist Natur; alles insbesondere,
das von sich her, also ohne menschliche Intervention, wächst und
wird, nennen wir Natur. Dabei können wir für Antike und Mittelalter noch
ohne weiteres eine Bestimmung von Kant übernehmen, der schreibt:
„Wenn
ich mir den Begriff von den Dingen der Natur machte, den
man gemeiniglich von ihnen hat, daß ihre innere Möglichkeit für sich
unabhängig und ohne einen fremden Grund sei (...).“[5],
d.h.
ihr innerer Grund der Veränderung, es geht allein um die Intervention,
nicht ihr Grund des Seins. So ist für das Denken der Scholastik nicht
nur das kreatürliche Sein als natura naturata, sondern selbst Gott als Grund allen
Seins Natur, und zwar natura naturans.
Ich möchte
hier die historische Entwicklung des Naturbegriffs nicht weiter verfolgen,
sondern aus dem Gesagten einige Schlussfolgerungen ziehen:
Der Mensch
selbst also ist – als Kreatur – auch Natur. Er ist eingebunden in das Ganze
– unabhängig davon, ob wir dieses Ganze als Schöpfung, als Kosmos oder als
mechanisch–materiellen Zusammenhang verstehen; unabhängig also davon, wodurch
der Zusammenhang gestiftet wird, ob durch Gottes schöpferischen und im Sein
haltenden Akt, wie die Christenheit glaubt, durch ein alles durchwirkendes
Gesetz, wie die Antike es verstand, oder durch „den Inbegriff der Erscheinungen,
so fern diese vermöge eines innern Princips der Causalität durchgängig zusammenhängen“,
wie Kant die mechanistische Auffassung seiner Zeit zusammenfasst.[6]
Zerrissen
wird dieser Zusammenhang erst durch die Objektivierung der Natur in der
Neuzeit, jetzt wird die Natur erst wirklich zur äußeren Natur, zum
Fremden und Anderen, das nicht mehr dem Menschen, sondern nurmehr seiner
Seele, der res cogitans, entgegensteht. Ich erinnere nur mit einem
Wort an Descartes, bei dem sich der Leib – und das heißt die gesamte äußere,
materielle Natur, res extensa – und die Seele so fremd werden, dass
der bloße Zusammenhang bzw. die Interaktion zwischen Leib und Seele schon
nicht mehr schlüssig erklärbar ist. Der eben zitierte Satz des Heraklit
von der Verborgenheit der Natur gewinnt so ganz neuen und radikalen Sinn:
die substantiell der erkennenden Seele inkommensurable Natur wird unverstehbar.
Der schroffe Dualismus, der sich als vollständige Disjunktion des Weltganzen
versteht, hebt dieses Ganze gerade auf.
Das hat Konsequenzen
für die Naturphilosophie: Denn wenn ich Natur als ein Ganzes ohne Ausschluss
begreife – Gott und die gesamte Schöpfung bis zum letzten Staubkorn umfassend
–, dann ist die philosophische Reflexion auf die Natur ein legitimer Spross
der Metaphysik bzw. der Ontologie, die das ‚Ganze des Seins‘ betrachtet.
Bestimme ich das naturhafte Sein hingegen als bloß materielle res extensa,
als unbeseelten mechanischen Zusammenhang, so wandelt sich Naturphilosophie
zur Naturwissenschaft, die einen separierten Bereich des Seins mit
reduzierter Methode untersucht. Hier wird dann auch nicht mehr verstanden,
sondern bestenfalls erklärt; Natur wird vom interpretandum zum explanandum.
Ist Naturerkenntnis im ersten Sinne wegen der Naturhaftigkeit des Menschen
immer auch Selbsterkenntnis (wie jede Hermeneutik), so ist sie im zweiten
Sinne Erkenntnis von etwas Anderem und Fremden und zielt im strengsten Sinne
nicht auf Erkennen, sondern auf Beherrschen. Es geht dann darum, die Natur
zu erkennen, um ihr in der Praxis gebieten zu können, und das Wissen, das
Macht ist, kennt keine Schranken; so das unstrittige Programm jener gewandelten
Naturwissenschaft in der Formulierung von Francis Bacon:
„Deshalb
fallen jene Zwillingsziele, die menschliche Wissenschaft und die menschliche
Macht, in Eins zusammen.“[7]
Dass
diese Entwicklung nicht nur Auswirkungen auf die Erkenntnis der Natur, sondern
vor allem auf den Umgang mit der Natur hat, brauche ich heute nicht mehr
eigens zu betonen. Die Weise des Erkennens konkretisiert sich nach wie vor
in der Weise des Handelns. Und dass die gegen diesen reduktiven Umgang aufbegehrende
Natur uns zeigt, dass auch wir Menschen ‚dazu‘, zur Natur nämlich,
gehören, wird uns zunehmend und zunehmend schmerzhaft bewusst.
Nach wie
vor aber gibt es Zusammenhänge – Kontexte –, in denen wir auch heute noch
von Natur so sprechen, als hätte sich der neuzeitliche Mensch niemals von
seiner Natürlichkeit verabschiedet. Kontexte also, in denen ein älteres
Denken nach wie vor gegenwärtig ist.
Der Begriff
‚Natur‘ hat seine Bedeutung im wesentlichen dadurch, dass ihm etwas aus
dem Bereich des spezifisch Menschlichen entgegengesetzt wurde: Zivilisation
und Technik, Setzung und Erziehung, Kunst und Kultur sind oder scheinen
das Gegenteil der Natur und sind damit das, wodurch Natur bestimmt wird
als deren Negation. Damit aber bezeichnet Natur auch den Bereich des Inhumanen,
die Sphäre dessen, das der Mensch sich noch nicht angeeignet und anverwandelt
hat, sei es technisch oder ästhetisch, intellektuell–theoretisch oder politisch–praktisch.
Und so ist Natur das dem Menschen immer Äußere, das Andere und Fremde; bald
dann auch das Wilde und Gefährliche, das Ungezähmte, das noch gezähmt werden
muss. Der status naturalis wird den Philosophen der neuzeitlichen
Aufklärung ganz selbstverständlich zum status belli, der verlassen
werden muss, indem das Recht und die Satzung den status civilis heraufführen.
An diesem
Gegensatz aber zeigt sich bereits die kritische und als solche notwendige
Funktion des Naturbegriffs: Die Unterscheidung von Natur und Satzung dient
ja nicht nur dazu, die Gesetzesübertretung zu rechtfertigen – wie Platon
es den Sophisten einseitig unterstellt –, sondern wichtiger scheint, dass
hier einer von Menschen gesetzten Ordnung eine natürliche Ordnung entgegengesetzt
wird. Damit ist dann auch eine Instanz angesprochen, von der aus das willkürliche
positive Recht kritisiert werden kann. Diese Funktion des Naturbegriffs
hat über die frühneuzeitliche Diskussion des ius naturalis schließlich
zur Formulierung der Menschenrechte geführt: Von Natur sind wir alle gleich
geschaffen, erst die Zivilisation hebt den „l‘état d‘animalité“ auf und
führt zur „l‘inégalité parmi les hommes“, wie wir bei Rousseau lesen – aber
auch schon bei dem Sophisten Antiphon.[8]
Gerade in
den säkularen westlichen Gesellschaften scheint die Natur die einzige Verbindlichkeit
stiftende Instanz geblieben zu sein. Das knappe Beispiel zeigt auch, dass
ein integrativer Naturbegriff zu den Grundlagen unserer Kultur gehört und
dass wir es uns keineswegs leisten können, ihn über Bord zu werfen. Selbst
wenn er uns durch und durch fraglich geworden ist, müssen wir aus pragmatischen
Gründen daran festhalten.
II.
Der naturphilosophische Ansatz des Franciscus de Marchia
Nach dieser
etwas ausholenden Skizze möchte ich direkt über Franciscus de Marchia sprechen.
Zunächst werde ich einige seiner naturphilosophischen Resultate thesenartig
in Erinnerung rufen und mich dabei aus Zeitgründen auf zwei miteinander
zusammen hängende Themen der Naturphilosophie beschränken, und zwar auf
die Kosmologie und auf die Materietheorie [9],
die Auffassung von der Kausalität gehört eigentlich auch in diesen
Zusammenhang, sprengt aber den gegenwärtigen Rahmen.[10]
Folgen wir
Franciscus, so sind der Himmel bzw. die Himmelskörper, die Gestirne und
Planeten, in keiner Weise beseelt; weder eine Seele (anima) noch
eine Intelligenz (intelligentia s. angelus) noch eine forma substantialis
bewegen die Himmelskörper als inhärierende Prinzipien. Vielmehr werden die
Himmelskörper von außen bewegt, indem die Intelligenzen ihnen durch Bewegung
eine Kraft übertragen. Diese nach dem Kontakt im Körper zurückbleibende
Kraft (virtus derelicta) ist das eigentliche Bewegungsprinzip des
Körpers. Diese Kraft, die wenig später Impetus genannt werden wird,
und ihr Übergang auf den zu bewegenden Körper sind nach dem Modell der mechanischen
Kraftübertragung gedacht; so lässt sich diese Dynamik von den Himmelskörpern
auf alle Körper anwenden. Prinzipiell hat diese Kraft ein bestimmtes Quantum,
das sukzessive in Bewegungsenergie umgesetzt wird, so dass sich der Impuls
unter ‚normalen‘, d.h. terrestrischen, Umständen verbraucht; Franciscus
hält es aber ebenso gut für möglich, dass die Kraft unvergänglich ist und
ewig weiter wirkt, was im Himmel wegen des dort fehlenden Widerstandes gegeben
scheint.
Die Kontinuität
der aristotelischen Kosmologie wird aufgebrochen: stand bei Aristoteles
– und das galt weitgehend für den gesamten mittelalterlichen Aristotelismus –
das Modell der Himmelssphären, die alle Kontakt zueinander haben und so
alle vom primum immobile movens bewegt werden, im Vordergrund, so
tritt an dessen Stelle das Modell von Körpern, die alle in Bewegung sind,
einschließlich des ersten Himmels, der nur noch der geographische
Ort der Himmelskörper ist, und nicht mehr dasjenige, das diese unbewegt
im Sein hält. Jeder einzelne Himmelskörper ist von sich her unvergänglich
und unabhängig von allen anderen Himmelskörpern.
In diesem
Himmel sollen offenbar die Gesetze einer allgemeinen Mechanik gelten,
der Himmel ist dann – in naturphilosophischer Perspektive – kein ausgezeichneter
Ort mehr.
Heftig umstritten
war die Frage nach der Materialität des Himmels, auch hier kann Franciscus
neue Wege beschreiten. Körperliche Dinge als Materie–Form–Komposita sind
nämlich nicht wegen ihrer Materialität vergänglich, das eigentlich Prinzip
der Vergänglichkeit ist die Form, nicht die Materie. Die Passivität der
Materie ist hier konsequenter gedacht als zuvor, sie bleibt das dauerhaft
Zugrundeliegende und Vorliegende, das geformt wird. Die Formung (informatio)
bedeutet nur für das Kompositum Entstehen und Vergehen, nicht für die Materie.
Ob etwas überhaupt vergänglich ist, hängt von der Form, nicht von der Materie
ab. Ist also irgendeine Form notwendig, d.h. ist es ihr unmöglich
zu entstehen oder zu vergehen, so ändert die Materie daran nichts.
Franciscus
geht sogar noch einen Schritt weiter und entfernt sich dabei vom Aristotelismus:
Erste Materie versteht er nicht mehr als ens in pura potentia, sondern
schreibt ihr in einem ersten Schritt actualitas in fünffacher Hinsicht
zu, und erklärt in einem zweiten Schritt sogar, dass die materia prima
„aliquo modo est actualior forma“.[11]
Daraus ergibt
sich vieles, u.a. die folgenschwere Konsequenz, dass es überhaupt keinen
Grund mehr für die Annahme gibt, alles Materielle sei gerade wegen seiner
Materialität vergänglich und, nun umgekehrt, alles Unvergängliche müsse
immateriell sein. Mithin gibt es auch keinen Grund, dem Himmel wegen seiner
konzedierten Unvergänglichkeit Immaterialität zuzusprechen.
Dieser Befund
stimmt – so Franciscus ausdrücklich – auch mit unserer Erfahrung überein,
die Himmelskörper besitzen nämlich die spezifischen Akzidentien materieller
Substanzen: Ausdehnung und räumliche Bewegung.
Franciscus
geht nun freilich noch einen entscheidenden Schritt weiter, indem er diesen
quasi–empirischen Befund zur Beantwortung der Frage fruchtbar macht, von
welcher Art die himmlische Materie ist. Der Gedanke ist folgender: Da sich
die Unvergänglichkeit nicht der Materie, sondern der Form der Himmelskörper
verdankt, unterscheiden diese sich von den sublunaren Körpern gerade hinsichtlich
der Form; die Materie kann also ohne weiteres von derselben Art sein,
ohne dass die substantielle Differenz aufgehoben würde. Nun stimmen aber
darüber hinaus alle Körper in allen Weltgegenden darin überein, dass sie
quantitativ bestimmt sind, und diese Identität kann nicht durch die
Form verursacht sein, da sich gerade die Formen wesentlich unterscheiden.
Die Gemeinsamkeit kann mithin nur durch die Materie gestiftet werden; als
positive Argumente treten ferner hinzu, dass Materie von sich her quantitativ
bestimmt ist und dass ihr der Charakter des Notwendigen eignet.[12]
So ergibt sich: Sub– und supralunare Materie sind von derselben wesentlichen
Beschaffenheit.
Diese Schlussfolgerung:
der ganze Kosmos besteht aus gleichartiger Materie und diese Materie
ist etwas Wirkliches, halte ich für den entscheidenden naturphilosophischen
Schritt, den Franciscus getan hat, und zwar sowohl im Hinblick auf das Resultat
als auch im Hinblick auf die Methode. Für die Wissenschaft ist letzten Endes
die Methode wichtiger als das jeweilige kontingente Resultat, deshalb möchte
die Methode kurz erläutern.
Das Argument
des Franciscus beruht auf der Kombination eines spekulativen Prinzips mit
einem empirischen Element. Das spekulative Prinzip ist das ontologische
Ökonomieprinzip, das sogenannte ‚Ockhamsche Rasiermesser‘: die Annahme zweier
wesensverschiedener Materien wäre eine Verdopplung der Entitäten, deren
Nicht–Notwendigkeit Franciscus gezeigt hat. Warum zwei materielle Prinzipien
annehmen – und damit auch zwei separate Ontologien –, wenn sich die Phänomene
auch mit einem Prinzip erklären lassen?
Aber das
Ökonomie–Prinzip allein reicht nicht aus, wie sich mit einem Blick auf die
Antworten zweier Zeitgenossen rasch zeigen lässt. Wilhelm von Ockham kommt
in seinem Kommentar zu den Sentenzen zum selben Ergebnis wie Franciscus,
jedoch mit einem bedeutenden Unterschied: Weil er die gegensätzlichen Positionen
für gleich stark hält und weil er ausschließlich mit dem Ökonomie–Prinzip
argumentiert, vermag er sein Ergebnis allenfalls plausibel zu machen
und muss den charakteristischen Vorbehalt anmelden, „dass diese Ansicht
so wenig bewiesen werden kann wie die gegenteilige“.[13]
So scheint das sachliche Resultat dezisionistisch, ja beinahe willkürlich.
Das wird umso deutlicher, wenn man sieht, dass der Reportator
des Franciscus de Marchia, Guillelmus de Rubione, dasselbe Prinzip mit konträrem
Ergebnis anwendet: Da es ihm nicht notwendig scheint, im Himmel überhaupt
Materie anzunehmen, lehnt er die Materialität des Himmels ab. Wenn keine
Notwendigkeit besteht, im Himmel zwei Prinzipien anzunehmen, dann ist es
auch stimmiger, nur eines, nämlich die allein notwendige Form, dort zu vermuten.[14]
Das Argument
des Rubione ist nicht gut, aber immerhin zeigt es, dass das Ökonomie–Prinzip
allein nicht ausreicht, um eine Sachfrage zu entscheiden, bei der mehrere
Alternativen zur Verfügung stehen.
Deshalb ist
es richtig, dass Franciscus de Marchia ein quasi–empirisches Element in
sein Argument einflicht, indem er auf Ausdehnung und Ortsbewegung verweist.
Denn nur so kann er sinnvoll in zwei Schritten argumentieren: mit der Empirie
für die hyletische Natur des Himmels, mit dem Ökonomie–Prinzip gegen die
Annahme einer eigenen Himmelsmaterie, sei dies eine materia spiritualis
oder eine quinta essentia.
III.
Schlussfolgerungen
Ich konnte
nur wenig von den Inhalten der Naturphilosophie des Franciscus de Marchia
berichten, hoffe aber dennoch, dass das Wesentliche sichtbar geworden ist.
1.
Der entscheidende Schritt, den Franciscus in den kosmologischen Fragen
macht, hängt zusammen mit der Aufhebung der grundsätzlichen, fundamentalen
und prinzipiellen Scheidung der Welt in einen sub– und einen supralunaren
Bereich. Damit macht er die augustinisch–franziskanische Tradition der Einheitlichkeit
der geschaffenen Welt qua geschaffen in ganz neuer Weise und
für neue Gedanken fruchtbar und geht über dieses Konzept hinaus.
2.
Seine Leistung besteht darin, Elemente der aristotelischen und der
augustinischen Tradition zu synthetisieren. Nämlich den Blick auf den Kosmos
als etwas wesentlich Eines und Einheitliches aus seiner eigenen franziskanischen
Tradition mit dem naturphilosophischen Interesse und dem entwickelten begrifflichen
Instrumentarium der aristotelischen Tradition.
3.
Dieser Kosmos darf wegen dieser Einheitlichkeit jetzt zu Recht und
vielleicht erstmals auch ‚Universum‘ genannt werden, es handelt sich um ein
in wesentlicher Hinsicht homogenes Ganzes, in dem an jeder beliebigen Stelle
die gleichen physikalischen Prinzipien und Ursachen anzutreffen sind.
4.
Der Gesamt–Kosmos kann einheitlich interpretiert werden, und zwar als
natürlicher Wirkzusammenhang. Deshalb kann auch jedes Ereignis in diesem physikalisch
konzipierten Universum mit einer Physik erklärt werden.
5.
Daraus ergibt sich methodologisch die prinzipielle Übertragbarkeit
und Anwendbarkeit aller gefundenen und bestätigten Beobachtungen und Gesetze
auf jedes Ereignis im Kosmos.
6.
In einem Satz: Der gesamte Kosmos besitzt überall dieselbe substantiale
Struktur, d.h. er besteht überall aus Materie–Form–Komposita, bei denen die
Materie stets von derselben Beschaffenheit ist; alle Orte im Universum besitzen
prinzipiell dieselbe Valenz; und alle Bewegungen im Universum (Bewegungen
also von gleichartigen Körpern zu gleichartigen Orten) sind durch prinzipiell
dieselben Kräfte bewirkt und vor allem durch dieselben Theorien und Gesetze
erklärbar.
7.
Schließlich: die tatsächlich revolutionäre Materietheorie, nach der
das stoffliche Substrat der Welt etwas Wirkliches ist, erlaubt erstmals die
Erkennbarkeit der materiellen, natürlichen Welt qua Berechenbarkeit.
Damit wird allerdings die Basis der aristotelischen Ontologie radikal aufgebrochen,
die auf der semantischen Identität von Materie=Potentialität=Unbestimmtheit=Unerkennbarkeit=Unendlichkeit
et vice versa für die Form beruhte. Zugleich wird der platonistischen
ontologischen und moralischen Defizienztheorie der Materie der Boden entzogen.
Ich verzichte
hier darauf zu zeigen, inwiefern sich bei Franciscus die Positionen der folgenden
Jahrzehnte und Jahrhunderte vorgezeichnet finden: die Buridan–Schule, Nikolaus
Cusanus, Giordano Bruno, Rene Descartes, Galileo Galilei – sie alle scheinen
von Franciscus angeregt, sei es im Hinblick auf die Bewegungslehre, die Materietheorie,
die Kosmologie oder die radikale Quantifizierung und Mathematisierung der
Physik. ‚Sie scheinen angeregt‘, denn natürlich lässt sich über reale Einflüsse
und Abhängigkeiten gar nichts sagen – freilich auch nicht über das Gegenteil.
Das ändert jedoch nichts daran, dass Franciscus de Marchia ein außerordentlich
kühner und weitsichtiger Pionier auf dem Gebiet der Naturphilosophie war.
Zum Abschluss
möchte ich noch einmal auf meine Gedanken vom Beginn zurückkommen und überlegen,
welchen Ort Franciscus zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft
einnimmt.
Seine große
Bedeutung für die Geschichte der Philosophie liegt nicht allein in den Resultaten
seines Nachdenkens, von denen ich einige benannt habe, sondern vor allem in
seiner Haltung der Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt des Natürlichen,
der wissenschaftlichen Unvoreingenommenheit, jener Vorurteilslosigkeit, in
der ich – wenn man so will – seine Modernität sehe.
Dennoch ist
Franciscus kein Naturwissenschaftler, sondern Naturphilosoph,
in dem Sinne, wie ich diese beiden Haltungen zu Beginn unterschieden habe.
Bei aller Differenziertheit z.B. seiner Äußerungen zum Verhältnis von Naturkausalität
und menschlichem Willen bleibt sein Blick doch stets auf das Ganze gerichtet
– Naturdeutung bleibt Weltdeutung und damit Selbstdeutung. Gerade seine anspruchsvolle
Materietheorie hindert ihn daran, auf die Welt der res extensae verächtlich
herabzublicken. Es ist ja gerade das Materielle, das der Welt Konstanz und
Dauer verleiht, und ohne Konstanz und Dauer gibt es keine intellektuelle Erkennbarkeit.
Der cartesische Dualismus findet hier keine Grundlage. Mehr noch: Wenn Franciscus
die Mathematisierbarkeit der Welt tatsächlich vorbereitet, dann darf nicht
übersehen werden, dass Zahl für ihn nicht bloße quantitas ist, sondern
auch und zuerst qualitas. Es gibt eine ‚Qualität der Zahlen‘,
wie er im Anschluss an Aristoteles festhält.[15]
Franciscus
de Marchia hat in genialer und spekulativer Weise jene Naturwissenschaft vorbereitet,
die bis heute unseren Blick auf die Natur und unseren Umgang mit der Natur
bestimmt – und gleichzeitig ist sein Naturverständnis doch von grundsätzlich
anderer Art als jenes der Neuzeit. Wenn wir uns heute mit der Naturphilosophie
von Franciscus beschäftigen, so nicht nur, weil wir den Umsturz, der die „Mechanisierung
des Weltbildes“ bedeutete, besser verstehen wollen, sondern auch um einen
alternativen, im Ansatz dennoch ‚modernen‘ philosophischen Zugang zur Natur
kennen zu lernen. Das scheint mir eine neue und bislang nicht gesehene Qualität
der Naturphilosophie des 14. Jahrhunderts, und dort besonders des Franciscus
de Marchia.
Prof.
Dr. Notker Schneider
Universität
zu Köln / University of Applied Sciences Cologne
[1]Francisci
de Marchia sive de Esculo, OFM, Sententia et compilatio super libros
Physicorum Aristotelis, ed. N. Mariani (= Spicilegium Bonaventurianum,
30), Grottaferrata 1998.
[2]fr.123,
Themistius Or. 5, p. 69.
[3]So
die Übersetzung der Stelle bei Kirk, G. S. / Raven, J. E. / Schofield,
M.: Die vorsokratischen Philosophen. Einführung, Texte und Kommentare.
Stuttgart ‑ Weimar 1994, S. 210.
[4]So
Kirk usw., ebd.
[5]Kant,
AA II, 112 (Beweisgrund).
[6]Kant,
AA III, 289 (Anm.) (Kritik der reinen Vernunft).
[7]Vgl.
F. Bacon: Große Erneuerung der Wissenschaften; zit. nach: Franz Baco's
Neues Organon. Übersetzt, erläutert (...) von J. H. von Kirchmann, Berlin
1870 (Philosophische Bibliothek, Bd.
32), S. 69; und passim.
[8]„Denn
von Natur sind wir alle in allen Beziehungen gleichgeschaffen, Barbaren
wie Hellenen.“ H. Diels–W. Kranz: Die Fragmente der Vorsokratiker.
Zürich–Berlin 1964,
87 B 44; zu Rousseau vgl. den Discours sur l‘origine et les fondements
de l‘inégalité parmi les hommes, Amsterdam 1755.
[9]Ich
beziehe mich dabei auf die von mir untersuchten Texte aus den Kommentaren
zur Metaphysik und zu den Sentenzen; die entsprechenden Texteditionen
wie auch die ausführliche Darstellung und Interpretation finden sich in:
Schneider, Notker: Eine ungedruckte Quästio zur Erkennbarkeit des Unendlichen
in einem Metaphysik‑Kommentar des 14. Jahrhunderts. In: Zimmermann,
A. (Hrsg.): Misc. Mediaev. 18 (1986), 96‑118.. Berlin‑New
York 1986; ders.: Franciscus de Marchia über die Wirklichkeit der Materie
(Metaph.VII q.5). Ein Beitrag zur Naturphilosophie des 14.Jahrhunderts.
In: Franzisk. Studien 71 (1989), 138‑158; ders.: Die Kosmologie
des Franciscus de Marchia. Texte, Quellen und Untersuchungen zur Naturphilosophie
des 14.Jahrhunderts. Leiden‑New York.‑Kopenhagen‑Köln
1991.
[10]Vgl.
dazu v.a. Schabel, C.: Theology at Paris 1316–1345: Peter Auriol and
the Problem of Divine Foreknoweldge and Future Contingents. Aldershot
2000 (= Ashgate Studies in Medieval Philosophy, 1).
[11]In
Met. VII 5: Utrum materia prima habeat aliquam actualitatem. Ed. in Schneider (1989).
[12]Vgl.
ebd.
[13]Guillelmi
de Ockham: Quaestiones in secundum librum Sententiarum (Reportatio).
Ed. Gál/Wood; q. 18 (Ed. 395–409), hier S. 400: „Secundo dico, quod in
caelestibus et in istis inferioribus est materia eiusdem rationis omnino,
licet haec pars non possit demonstrari sicut nec alia.“ Ibid. S. 404:
„Sic igitur videtur mihi quod in caelo sit materia eiusdem rationis cum
istis inferioribus. Et
hoc, quia pluralitas nunquam est ponenda sine necessitate, sicut saepe
dictum est. Nunc autem non apparet necessitas ponendi materiam alterius
rationis hic et ibi, quia omnia quae possunt salvari per diversitatem
materiae secundum rationem possunt aeque bene vel melius salvari secundum
identitatem rationis.“
[14]Guillelmus
de Rubione: Disputatorum in quatuor libris Magistri Sententiarum prior
super Primum et Secundum (...). Ed. Iodocus Badius Ascendius, Paris
1518, fol. 318ra: „Secunda pars, videlicet quod non sit congruum credere
seu opinari caelum esse ex forma et materia constitutum, sequitur ex prima,
quoniam nulla es congruitas, sed superfluitas ponere pluralitatem nisi
propter necessitatem. Ergo si nulla apparet nobis necessitas ponendi talem diversitatem seu pluralitatem
rerum, videlicet materiae et formae in caelo, nec est congruitas ponere
ista ibi.“
[15]Vgl.
N. Schneider: Die Qualität der Zahlen. Die aristotelische Zahlentheorie
nach Metaph. V ()) 14 und ihre mittelalterliche
Kommentierung und Umdeutung. In:
Documenti e Studi sulla Tradizione Filosofica Medievale 2 (1991), S. 587‑609.